Mein Hund kann kein “bei Fuß” - und läuft trotzdem neben mir.
Vom Sinn und Unsinn von Kommandos.
Kommandos sind was Feines und super praktisch. „Sitz“, „Platz“, „Bleib“, „Fuß“ und „Hier“ sind die ersten Vokabeln, die die meisten Hunde lernen. Und Pfötchen geben natürlich.
Beigebracht werden sie über Konditionierung. Hierbei lernt der Hund, einen zunächst neutralen Reiz (das Wort „Sitz“) mit einem für ihn bedeutungsvollen Reiz (einer Belohnung wie einem Leckerli) zu verknüpfen. Es lohnt sich für ihn also, dieses Verhalten zu zeigen. Aber die Konditionierung hat Grenzen. Futter oder soziales Lob ist nämlich nicht immer das Wichtigste für einen Hund. Das bekommt man spätestens dann zu spüren, wenn Jagdverhalten ins Spiel kommt. Das ist für viele Hunde nämlich weitaus belohnender als jeder Käse.
Das soll nicht heißen, dass man keine Kommandos nutzen sollte. Man sollte sich in der Hundeerziehung jedoch nicht ausschließlich darauf verlassen.
Das „persönliche Gespräch“ bleibt auf der Strecke
Meinen Kunden gebe ich gern mal die Aufgabe, rein körpersprachlich mit den Hunden zu arbeiten und verbiete dafür jedes Kommando. Zum Beispiel soll der Hund warten, während der Mensch schonmal durch die Tür geht. Fast alle sind erstmal kurz aufgeschmissen und schauen mich mit großen Augen an. Die Hunde können nämlich eigentlich ganz toll sitzen und warten. Beziehungsweise „Sitz“ und „Bleib“. Aber ohne Kommando? Wie soll das gehen? Damit ist nämlich auch nicht gemeint, dass man nur die konditionierten Handzeichen von den Kommandos verwendet.
Und da merkt man, was bei der reinen Erziehung über Kommandos und Konditionierung auf der Strecke bleibt: das „persönliche Gespräch“.
Und das finde ich total schade. Denn unter anderem die Körpersprache ist das, was Hunde eigentlich viel besser verstehen, weil es ihre natürliche Art der Kommunikation ist. Oder habt ihr schon mal gesehen, wie ein Hund dem anderen ein „Bleib“ mit Leckerlis beigebracht hat?
Natürlich sind wir keine Hunde und können nicht eins zu eins so „sprechen“. Aber wir können uns viel davon abschauen. Bei der Kommunikation unter Hunden lässt sich beobachten, dass sie viel über Körperspannung, Blicke, Bewegung und Abstand ausdrücken. Indem wir das adaptieren, ist schon vieles gesagt. Das müssen wir dem Hund gar nicht erst groß beibringen, das versteht er ganz automatisch.
Warum die Leine uns faul macht
Das Schöne an diesem persönlichen Gespräch ist die soziale Ebene. Für die Hunde ist es oft viel klarer verständlich: Was darf ich, was lasse ich lieber bleiben? Man tritt dadurch endlich mal in echte Verbindung mit dem Hund. Man findet heraus, was mir als Mensch wichtig ist („Warte da bitte mal“) und was dem Hund wichtig ist („Ich will jetzt raus!“).
Wenn wir diese Verbindung aber nicht herstellen, greifen wir zu einem Hilfsmittel, das oft völlig falsch genutzt wird: der Leine.
Fragen wir uns mal, warum unsere Hunde angeleint sind. Zum einen natürlich, weil das Gesetz es in Städten oder bestimmten Gebieten vorschreibt. Zum anderen aber, weil die Hunde sonst jagen gehen, auf die Straße laufen, zu anderen Hunden rennen oder sich irgendwo festschnüffeln, während wir weiterwollen. ChatGPT würde an dieser Stelle schreiben: „Und genau das ist der Knackpunkt.“ (Tut sie aber nicht, weil ich alles selber schreibe, nur mal so nebenbei erwähnt).
Unsere Hunde sind oft nur deshalb an der Leine, weil wir nicht mit ihnen darüber gesprochen haben, wie man sich in unserer Welt verhält. Stattdessen zippeln und züppeln wir an ihnen herum, und die Hunde verstehen nicht, wieso.
Hund reagiert nicht auf Ansprache? Ich zieh an der Leine, bis er wieder bei mir ist.
Hund will zum anderen Hund? Ich halte die Leine fest umklammert.
Hund schnüffelt sich fest? Ich rucke an der Leine, damit ich weitergehen kann.
Wir haben uns so sehr an dieses mechanische Hilfsmittel gewöhnt, dass wir uns zu 100 Prozent darauf verlassen – und dabei kommunikativ faul geworden sind.
Wie führt man ein Gespräch ohne Worte?
Wenn man dann versucht, die Hunde ins echte Gespräch zu holen, ist das für beide Seiten erstmal ungewohnt. Die Hunde entziehen sich anfangs schnell, und der Mensch ist verloren, weil er nicht weiß, was er tun soll (und zieht dann doch wieder gern an der Leine).
Dabei stellen uns unsere Hunde eigentlich den ganzen Tag Fragen: Darf ich hier liegen? Soll ich auf etwas aufpassen? Darf ich vorlaufen? Das sind Fragen, die wir beantworten sollten. Und zwar nicht mit „Sitz“, nicht mit „Platz“ und auch nicht mit „Pfote geben“.
Aber wie geht das denn nun, mit dem Hund ein Gespräch zu führen? Wir bedienen uns dabei überwiegend unseres körpersprachlichen Ausdrucks. Wir zeigen Präsenz, machen etwas Druck, nehmen den Druck wieder raus, haben eine klare Meinung, bestehen auf das Gespräch und führen es zu Ende. Das klingt im ersten Moment vielleicht ein bisschen nach Tierkommunikation, hat mit Esoterik aber natürlich absolut gar nichts am Hut. Es ist schlichtes, biologisches Ausdrucksverhalten.
Es braucht keinen Feenstaub
Und damit kommen wir zum Schluss wieder zur Überschrift: Mein Hund kennt kein „bei Fuß“ und läuft trotzdem neben mir. Warum? Weil wir darüber gesprochen haben. Über Raum, über Energie, über Verantwortung. Ganz ohne Zauberstab und ohne Feenstaub. Und vor allem: ohne Leckerlis.
Und ja, das finde ich cool. Da ist nämlich einfach ein Hund, der weiß, was seine Aufgabe ist (keine, außer bei mir zu bleiben) und der an meiner Seite läuft, weil er sich an mir orientiert – und nicht, weil im selben Moment ein Stück Käse vor seiner Nase baumelt.
Und falls du dich das fragst: Wir laufen auch selten ganz ohne Leine. Nicht alles ist perfekt und wir sind auch nur ein Team aus Mensch und Hund.