Ist das nicht gemein?
Warum es wichtig ist, dass ein Hund mit Frust umgehen kann
Kennst du das? Dein Hund sieht auf dem Spaziergang einen anderen Hund und „schreit“ direkt drauf los, weil er so gern hin will? Pünktlich um 18 Uhr steht er fiepend auf der Matte, weil das Futter noch nicht zubereitet ist? Du unterhältst dich mit jemandem auf dem Spaziergang und dein Hund singt ein schönes Lied dazu, weil ihm langweilig ist? Dann hat er wohl, ohne das jetzt böse zu meinen oder deinen Hund vorzuverurteilen, eine geringe Frustrationstoleranz.
Das heißt: Er ist grade sehr frustriert und weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Seine Strategie: Bellen, Jammern, Rumhampeln, irgendwas anknabbern und so weiter und so fort. Das alles sind normale Reaktionen des Körpers bei (übermäßigem) Stress.
Was tun wir dagegen? Den Hund hallo sagen lassen, schnell das Futter zubereiten und das Gespräch auf dem Spaziergang lieber abbrechen und weitergehen. Weil es uns nervt und weil wir natürlich nicht möchten, dass es unserem Hund nicht gut geht. Jedoch wird das ganze dadurch nicht besser, sondern meistens sogar noch schlimmer.
Zum einen lernt der Hund hier natürlich, dass er mit seinem (nervigen) Verhalten Erfolg hat. Zum anderen lernt er aber NICHT, wie er beim nächsten Mal etwas entspannter bleiben kann. Er hat weiterhin Frust.
Was ist Frust?
Frust ist zunächst einmal eine Emotion, die wir empfinden. Auch wir Menschen. Wenn die Kaffeemaschine nicht funktioniert, wir im Stau stehen oder das WLAN nicht läuft. Wir Menschen lernen aber im Laufe unseres Lebens, mit diesen Momenten umzugehen. Wir atmen tief durch, fluchen vielleicht kurz innerlich, aber wir bekommen keinen Schreianfall mehr. Wir haben Regulationsstrategien entwickelt und gelernt, uns selbst wieder herunterzuregeln.
Unsere Haushunde kommen aber leider nicht in den Genuss, den Umgang mit Frust nebenbei im Alltag zu lernen. Sie leben im Überfluss. Sie haben keinen Hunger, frieren nicht, langweilen sich nicht, bekommen immer Aufmerksamkeit, die besten Leckerlis und Streicheleinheiten auf dem Sofa. Die Bedürfnisse werden pünktlich nach der inneren Uhr des Hundes befriedigt. Wir haben ihnen die perfekte Wohlfühloase erschaffen.
Bei Straßenhunden beobachtet man das Gegenteil: Nahrung ist nicht immer verfügbar, man friert, man wird von schattigen Plätzen vertrieben. Der Großteil ihres Tages besteht aus Warten, Beobachten und Aushalten. Ihr Überleben hängt davon ab, nicht bei jeder Enttäuschung ihre Energie in einem Wutanfall zu verpulvern. Unsere Haushunde hingegen leben einfach im Luxus. Wir gehen mit ihnen öfter zum Tierarzt, als wir selber zum Hausarzt, wir suchen immer nach dem besten Futter und versorgen sie ihr ganzes Leben. Das darf natürlich auch so bleiben! Aber wir sollten uns darüber bewusst sein, dass unsere Hunde dadurch ein unnatürlich niedriges Level an Frust erleben.
Warum wir Hunde nicht vor Frust beschützen können
Aber können wir unsere Haushunde nicht einfach vor diesem elendigen Frust bewahren? Sie haben ja wie gesagt alles, vor allem unsere bedingungslose Liebe. Ganz klar: Nein. Früher oder später gibt es Situationen in denen der Hund Frust verspürt, egal wie viel Alternativverhalten man sich zurecht gekekst hat. Vielleicht hat der Hund einen Unfall und muss plötzlich einen unangenehmen Tierarztbesuch über sich ergehen lassen und länger einen Verband tragen. Im Urlaub in der Gondel ist Maulkorbpflicht, aber dein Hund hat das Teil vorher nie gesehen und es nervt extrem auf der Nase. Oder dein Gassi-Date verspätet sich um einige Minuten und ihr müsst am Kofferraum warten. Dein Besuch hat Angst vor Hunden und deiner soll deswegen auf der Decke liegen bleiben. Die Liste ist lang.
Ich würde schon fast behaupten, dass wir unsere Hunde im Endeffekt nur noch mehr frustrieren, umso mehr wir versuchen, sie nicht zu frustrieren. Daher ist es so wichtig, gemeinsam mit dem Hund (und vor allem wohlwollend!) an seiner Frustrationstoleranz zu arbeiten, um für schwierige Situationen gewappnet zu sein.
Natürlich sind ein Tierarztbesuch, ein Maulkorb, Besuch und Hundebegegnungen alles Themen, die man kontinuierlich und durchaus mit positiver Verstärkung üben sollte. Aber eine Hand voll Leckerli kann die Grundemotion des Hundes in diesem Moment oft nicht verändern.
Es geht am Ende nicht darum, überhaupt keinen Frust mehr zu empfinden, sondern darum, mit dem Gefühl klarzukommen und Strategien erlernt zu haben, sich besser regulieren können. Ein gewisses Maß an Frust ist sogar wichtig, denn ansonsten würden wir uns den Rest unseres Lebens mit allem abfinden, was eigentlich doof ist. Frust ist ein Motor, der uns antreibt, Dinge zu verändern. Es heißt also nicht, dass der Hund nie wieder frustriert sein darf. Es heißt nur, dass er nicht mehr über jede Kleinigkeit, sondern wahrscheinlich nur noch durch die für ihn wirklich wichtigen Dinge im Leben frustriert sein wird und das weniger stark und weniger lange.
Wie lehre ich meinen Hund im Frust aushalten?
Ganz einfach: indem er Frust aushält. Aber um große und wichtige Situationen (Hundebegegnungen) meistern zu können, ist es wichtig, klein und eher unwichtig anzufangen (einfach mal rumstehen). In direkten Konfliktsituationen ist der Stresspegel meist so hoch, dass es physiologisch nichtmal möglich ist, dann etwas dazu zu lernen. Trotzdem braucht es ein gewisses Maß an Stress, um Lernvorgänge anzukurbeln. Denn Stress ist nicht immer schlecht.
Um Frustrationstoleranz zu üben, braucht es Frust. Das bedeutet, der Hund möchte etwas, bekommt das aber nicht. Hier ist es wichtig, zwischen „Wunsch“ und „Bedürnis“ unterscheiden zu können. Wenn dein Hund grade gegessen hat, also satt ist, und nun frustriert ist, dass er nicht an den Kauknochen darf, der vor ihm liegt, ist das ein Wunsch, den du ihm nicht erfüllst. Wenn dein Hund morgens aber dringend Pipi muss, du aber genau jetzt warten möchtest, bis er ruhig ist, bevor ihr rausgeht, ist das ein Bedürfnis, das du nicht befriedigst. Und das ist in der Tat unfair und sollte vermieden werden.
Der Hund erlebt also Frust und darf das nun aushalten, bis er die Situation akzeptiert. Der Hund wird irgendwann also nicht mehr versuchen, etwas zu verändern und stellt sein Verhalten ein. Böse Zungen behaupten, der Hund würde dann einfach aufgeben und sich seinem traurigen Schicksal ergeben. Kann man meinetwegen auch so betiteln und auf das Fördern von Frustrationstoleranz verzichten, aber dann möge man mir bitte eine Alternative vorschlagen.
Das Erlernen von Frustrationstoleranz ist wie ein Muskel, den man trainiert. Anders als beim „Sitz“ können wir hier weder mit Belohnung noch mit Bestrafung arbeiten, denn Frust ist ein Gefühl! Das bedeutet wiederum auch, dass du Frust weder loben noch strafen kannst. Und auch, dass du den Frust nicht verstärkst, wenn du deinem Hund währenddessen Aufmerksamkeit schenkst. Du solltest deinen Hund nämlich keinesfalls allein lassen in seinem Frust, sondern trotzdem für ihn da sein und wo möglich unterstützen.
Kompensationsstrategien
Die Alternative wäre wohl, dem Hund eine andere Kompensationsstrategie zu zeigen oder ausleben zu lassen. Wie die oben genannten Dinge: doch hallo sagen lassen, Futter zubereiten, weitergehen. Den Hund rennen lassen, ihm was zu kauen geben, einen Ball werfen, weiter an der Leine pöbeln lassen. Wenn das Hundehirn nicht gelernt hat, beruhigende Botenstoffe auszuschütten, versucht es trotzdem, das unangenehme Frustgefühl loszuwerden und zwar über das Auslösen des Belohnungssystems im Gehirn. Und dieses regt auf und ist extrem selbstbelohnend, anstatt dass es das Nervensystem runterfährt. Weiß ja nicht, ob das jetzt so toll ist. Die Folgen davon können fatal sein, beispielsweise in Dauerstress und Suchtverhalten enden. Mehr zu diesem Thema folgt noch weiter unten bei „Belohnungsaufschub“ und „Impulskontrolle“.
Übungen für den Alltag
Kommen wir nun endlich mal dazu, wie wir denn konkret an der Frustrationstoleranz unseres Hundes (und währenddessen übrigens auch an unserer eigenen) arbeiten können. Im Grunde genommen bietet der Alltag uns wirklich genügend Möglichkeiten. So könntest du dich zum Beispiel zum Gassi gehen fertig machen, eine halbe Ewigkeit warten und dann trotzdem nicht losgehen. Auf dem Spaziergang kannst du einfach mal eine halbe Stunde stehen bleiben und nichts tun. Dein Hund auch. Du könntest deinen Hund zuhause auf seinem Platz anleinen. Du könntest ihm ein Rinderohr hinlegen, das er nicht haben darf. Auf der Gassi-Runde darf er mal nicht schnüffeln. Im Garten soll er auf einer Decke liegen bleiben.
Du kannst dir aber auch gezielt Übungen überlegen. Verbinde deinem Hund eine Pfote und lass ihn einige Zeit damit rumlaufen. Setz ihm einen Maulkorb auf, obwohl er diesen eigentlich nicht braucht. Stelle ihm nach dem Füttern (! s.o. Wunsch/Bedürfnis) den gefüllten Napf den Rest des Tages wieder vor die Nase. Fahre mit dem Auto zum Lieblings-Gassi-Ort, mach den Kofferraum auf und wieder zu und fahr wieder nach Hause.
Wichtig dabei sind drei Dinge
1. Dein Hund bekommt das, was er möchte wirklich nicht (s.u. „Belohnungsaufschub & Impulskontrolle), 2. beendest du die Übung erst, wenn es deinem Hund WIRKLICH egal ist (ja, das kann dauern) und 3. solltest du deinen Hund natürlich keinesfalls überfordern. Fange klein an und gib euch beiden die Chance, die Übung auch gut und im positiven (also ohne Frust) zu beenden. Mache nicht zu viel auf einmal, weniger ist hier trotzdem mehr. Finde Momente, in denen dein Hund Frust empfindet und nimm dir die Zeit, daran zu arbeiten. Dein Hund muss nicht laut jammern, um Frust zu empfinden, manchmal hat er auch nur eine kleine Erwartungshaltung und grummelt etwas vor sich hin. Auch das sind Momente, die man dafür nutzen kann.
Belohnungsaufschub
Wir machen noch einen kleinen, aber wichtigen Abstecher. Viele Menschen denken, sie trainieren Frustrationstoleranz, dabei üben sie nur den Belohnungsaufschub. Und das ist genau das, was der Name sagt. Am Ende gibt es eben doch das, was der Hund grade möchte. Der Belohnungsaufschub hat natürlich ebenfalls seine Daseinsberechtigung und lohnt sich ebenfalls, zu trainieren. Jedoch ist der innere Zustand, in dem sich der Hund dabei befindet, ein völlig anderer. Während er bei der Frustrationstoleranz Selbstregulation lernt und in die Ruhe findet, bleibt der Körper beim Belohnungsaufschub weiterhin aktiv und schaltet nicht ab.
Die Existenz von Belohnungsaufschub bedeutet nicht, dass wir den Frust umgehen können. Während der eine Hund zwar eine Stunde auf der Decke liegt, bis er „ruhig“ ist und dann den Besuch begrüßen darf, ist der andere Hund gar nicht erst aufgestanden, als es geklingelt hat. Der hat nämlich gelernt, dass er eh nicht hin darf. Durch Frustrationstoleranz. Während der eine Hund zwar brav im Kofferraum bleibt, wenn die Klappe aufgeht und nur nach Freigabe rausspringt, bleibt der andere Hund ganz entspannt liegen. Nach Außen mögen die Hunde beide gleich aussehen und das gleiche oder ein ähnliches Verhalten zeigen, aber hier kommt es auf den inneren Zustand an. Und wie gesagt, hat beides seine Daseinsberechtigung.
Belohnungsaufschub lässt sich im Alltag sowieso nicht ganz vermeiden. Auch wenn der Hund lange vorm gefüllten Napf warten kann, wird er das Futter irgendwann bekommen, wir können ihn ja nicht verhungern lassen. Auch wenn er lange an der Haustür warten kann, bevor man zum Gassi los geht, müssen wir früher oder später mal rausgehen mit dem Hund.
Erst denken, dann handeln: Impulskontrolle
Dazu gesellt sich noch die Impulskontrolle. Auch das, was der Name schon sagt. Hunde mit einer gut ausgeprägten Impulskontrolle denken nach, bevor sie etwas tun. So könnte ein Hund sich also dazu entscheiden, nicht direkt alles zu fressen, was auf dem Boden liegt, nicht jeden Vogel zu jagen, nicht in einen pöbelnden Hund reinzubeißen und nicht in den Futternapf zu springen, den der Mensch grade abstellen will. Das muss man auch üben.
Dazu muss man dem Hund zunächst verbieten, seinem ersten Impuls nachzugehen. Nur so kommt er ins Nachdenken. Er hemmt dann seinen inneren Antrieb, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Zum Beispiel verbieten wir ihm also, uns den Futternapf aus der Hand zu reißen oder Essbares vom Boden zu fressen. Schwieriger wird es bei den Vögeln oder anderen Hunden. Hier lohnt es sich sicherlich, auch ein Alternativverhalten aufzubauen. Dabei leiten wir den Impuls um und schaffen ein neues Bedürfnis. Impulskontrolle lernt der Hund dabei aber nicht.
Natürlich können wir auch in den „unwichtigen“ Situationen ein Alternativverhalten aufbauen. Zum Beispiel, dass der Hund Sitz machen soll, bevor es Futter gibt. Aber wie das bei allen Themen im Hundetraining so ist, sollten wir auch hier vom Kleinen zum Großen arbeiten. Wenn mein Hund schon nicht den Impuls unterdrücken kann, an der Leine ständig vor zu laufen, wie soll er in einer Hundebegegnung den Impuls unterdrücken, jetzt loszupöbeln?
Für ein gelassenes Hundeleben
Wie ihr jetzt vielleicht gemerkt habt, ist das ein umfassendes Thema, das mir selber auch sehr am Herzen liegt. Ein gesundes Maß an Frustrationstoleranz und Impulskontrolle ist eines der Fundamente für einen entspannten Alltag mit dem Hund. Wir machen es uns oft schwerer als es eigentlich ist und haben (mich eingeschlossen) unsere Hunde manchmal ein bisschen zu sehr lieb.
Wir wollen nicht jeden Stolperstein aus dem Weg räumen, sondern unseren Hunden zeigen, wie man auch in den nervigen Momenten gelassen mit dem Leben umgeht. Schau doch mal in deinem Alltag, wie du deinen Hund da unterstützen kannst. Du quälst ihn damit nicht, sondern du gönnst euch beiden damit ein dickeres Fell. Die Welt geht davon nicht unter und es lohnt sich für ein ganzes Hundeleben.
Das Leiden entsteht am Ende nicht durch den Frust, sondern durch die Unfähigkeit, ihn zu regulieren. Ein Hund, der das Gefühl von Frust kennt und gelernt hat, sich zu regulieren, kann entspannter bleiben. Ein Hund, der immer davor geschützt wird, explodiert früher oder später bei jeder Kleinigkeit.
Und noch eine allerletzte Bitte, dann ist Schluss: Bitte mach nicht einfach blind irgendwelche Übungen nach, die du hier oder generell im Internet liest. Befasse dich mit deinem Hund und schau genau, was er kann und was er noch nicht kann. Bleibe immer fair und wohlwollend mit ihm. Wenn dich das Thema weitergehend interessiert, empfehle ich das Buch „Frust lass nach“ von Maren Grote.